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Startseite vom 21.07.2010 Westfälische Nachrichten
„Viele braune Flecken“ auf Carl Diems Weste
„Viele braune Flecken“ auf Carl Diems Weste

Münster - Drei Jahre hat sich der Historiker Prof. Dr. Frank Becker mit Carl Diem befasst. Nun liegen die Ergebnisse seiner Forschungen vor - und sie zeichnen kein vorteilhaftes Bild des wegen seiner NS-Vergangenheit seit Jahrzehnten umstrittenen Sportfunktionärs. „Diem war beileibe kein Mitläufer, sondern auch in Schuldzusammenhänge verstrickt“, betont Becker, der seine Untersuchungen in Münster begonnen hat und mittlerweile an der Universität Gießen lehrt. „Wann immer der NS-Staat ihn brauchte, hat er das Soll sogar übererfüllt. Es gibt viele braune Flecken auf seiner Weste.“

Diese Einschätzung dürfte die Diskussion um eine Umbenennung des Gievenbecker Carl-Diem-Weges neu anheizen. Ein entsprechender Antrag der SPD-Fraktion in der Bezirksvertretung West war 2007 abgelehnt worden. Einige Monate später wurde vereinbart, die Frage einer Umbenennung in Julius-Hirsch-Weg erst dann erneut anzugehen, wenn Beckers Forschungsergebnisse vorliegen. Das ist nun der Fall.

Die SPD hat umgehend reagiert und ihren Antrag erneut eingereicht. „Nationalistisch, militaristisch und rassistisch“ sei die Haltung von Diem gewesen. Der in Auschwitz ermordete jüdische Sportler Julius Hirsch sei daher der geeignetere Namenspate für die Straße.

„Als Wissenschaftler“, betont Becker, mag er keine Empfehlung geben, ob der Weg umbenannt werden sollte. „Das ist Sache der Politik.“ Als Bürger habe er aber sehr wohl eine Meinung, und die lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „Ich halte eine Umbenennung der Straße für angemessen. Diem war in viele Dinge verstrickt, er ist genug geehrt worden. Jetzt reicht´s.“

Münster stünde mit einer solchen Entscheidung nicht allein. Unmittelbar nach Erscheinen von Beckers Studie „Den Sport gestalten - Carl Diems Leben“ haben unter anderem Pulheim, Grevenbroich, Wolfsburg und Bergheim die entsprechenden Straßenschilder abgeschraubt.

Diem war in der NS-Zeit ein hoher Sportfunktionär. Unter anderem plante er maßgeblich die Olympischen Spiele von 1936. Nach dem Krieg wurde er Rektor der von ihm gegründeten Deutschen Sporthochschule in Köln, diese Position hatte er bis zu seinem Tod 1962 inne. „Nach 1945 ist er auf die Butterseite gefallen“, fasst Becker dessen Karriere in der jungen Bundesrepublik zusammen. Zwar habe es bereits damals Fragen nach seinen Verstrickungen während der NS-Zeit gegeben, „doch Diem leugnete alles“.

Vor allem eine Rede, die Carl Diem im März 1945 vor Hitler-Jugendlichen gehalten hatte, bewertet Prof. Becker kritisch. Mit dem Appell, in den „finalen Opfergang für den Führer“ zu ziehen, habe Diem die jungen Menschen „für die Kämpfe heiß gemacht“, so das Urteil des Historikers, dessen Studie drei Bände umfasst.

Finanziert wurden Beckers Forschungen von der Deutschen Sporthochschule, dem Deutschen Olympischen Sportbund und der Alfred Krupp von Bohlen und Hal-bach Stiftung.

VON MARTIN KALITSCHKE, MÜNSTER

21 · 07 · 10

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